| >>
Fortsetzung:
Beim Frühstück am nächsten
Morgen war das Bärenmädchen ganz unruhig, es hatte nämlich
über Nacht eine wunderbare Idee bekommen.
Schon vor langer Zeit hatte es gehört,
dass im großen Wasser, was es noch nie gesehen hatte, Tiere
leben, die sich wie Fische bewegen können.
Sie sind ganz geschmeidig und sehr verspielt, und sie atmen über
Wasser.
Das Bärenmädchen hatte sogar schon von ihnen geträumt.
Nun wollte die kleine Bärin unbedingt
dorthin, mit ihrer ganzen Familie.
Mama Bär erklärte ihrer Jüngsten, dass das große
Wasser das Meer sei, und sie sicherlich sehr lange dorthin unterwegs
sein würden.
Doch als Papa Bär meinte, sie hätten ja schon lange keinen
richtig großen Ausflug mehr gemacht, wurde dem Bärenmädchen
klar,
dass es bald losgehen würde, und es freute sich unglaublich.
Am nächsten Morgen, nach einem
ausgiebigen Frühstück,
machte sich die Bärenfamilie gut gestärkt auf den Weg.
Es dauerte viele Tage und viele Nächte, doch eines Abends,
die Sonne wollte gerade versinken, da erreichten sie die Küste
und wurden mit einem unbeschreiblichen Ausblick für all ihre
Mühen auf dem langen Weg belohnt.
Vor ihnen lag das weite, weite Meer
und die Sonne spiegelte sich auf der ruhigen Fläche des Wassers.
Es sah alles so unendlich friedlich aus, und die Bärenfamilie
stand dicht beieinander und staunte.
Das Bärenmädchen hatte so etwas Schönes noch nie
gesehen, und sein Herz ging weit auf.
Sofort hielt es Ausschau nach den Tieren, von denen es auf dem
Weg zum Meer fast jede Nacht geträumt hatte.
Doch Mama Bär meinte, morgen sei genug Zeit dafür, jetzt
sollten sie sich erst einmal einen Unterschlupf für die Nacht
suchen.
Müde von der langen Wanderung
schliefen sie schnell ein, und im frühen Morgengrauen erwachte
das Bärenmädchen als erstes.
Ungeduldig sprang es hin und her und konnte es gar nicht erwarten
wieder zum großen Wasser zu gelangen.
Noch vor Sonnenaufgang erreichte die Bärenfamilie die Steilküste,
von der aus sie am Abend zuvor den Sonnenuntergang bestaunte.
Die aufgehende Sonne aber, die mit all ihrer Kraft den Himmel erleuchtete,
flüsterte dem Bärenmädchen zu, dass es ein ganz besonderer
Tag werden würde.
In diesem Moment erinnerte sich die
kleine Bärin an all die Geschichten ihrer Mama, und sie spürte
die Kraft, die von den warmen Worten der Mutter ausgegangen war.
Das Bärenmädchen tollte mit
seinen Geschwistern bis zum Rand der Steilküste und hielt Ausschau
nach seinen schwimmenden Freunden.
Sie mussten da sein, die kleine Bärin fühlte ihre Nähe,
doch sie konnte nichts erkennen.
Sie mussten doch an die Oberfläche zum Atmen, dachte sie sich,
wo sind sie nur?
So verging eine Weile und die kleine Bärin setzte sich auf
den kargen Boden und scharrte mit ihren kleinen Pranken im Sand.
Und ganz unvermutet tauchten die Delfine
auf, sie waren auf einmal da.
Das Bärenmädchen konnte es nicht fassen, es hatte Tränen
in den Augen, die Delfine waren unendlich viel schöner und
anmutiger, als es je gedacht hatte.
Und sie spielten miteinander, plötzlich
überschlugen sie sich, einfach so.
Sie kamen immer näher, so nah,
dass das Bärenmädchen einem kleinen Delfin direkt in die
Augen sah, und der kleine Delfin blickte in die Augen des Bärenmädchens,
und beide spürten eine so tiefe Verbindung, die es fast unmöglich
machte den Blick wieder voneinander zu lösen.
Was nun geschah ging so schnell, dass
man es kaum glauben konnte,
ein uraltes Wissen erwachte in der kleinen Bärin,
und sie folgte dem Ruf ihres Herzens.
Sie hatte einen Teil ihrer selbst gefunden,
dort im weiten Meer,
bei den Delfinen.
Die kleine Bärin überlegte gar nicht erst, sie nahm Anlauf,
und schon im Flug verwandelte sie sich in einen Delfin.
Mama Bär sah dies und spürte
die Sehnsucht nach ihrem Kind,
und sie folgte ihrer Jüngsten ohne zu zögern,
und beide tauchten sie aus dem Wasser auf,
um gemeinsam ihren ersten Atemzug zu holen.
Papa Bär beobachtete das Geschehen,
zwei seiner Bärenkinder fest an sich gedrückt, und auf
einmal erfüllte ihn ein unbeschreiblich wohliges Gefühl.
Sanft ruhte sein Blick auf dem weit entfernten Körper seiner
Bärenfrau,
die sich nicht einmal mehr ähnlich sah,
und doch war er ihr so nah, wie noch nie zuvor.
Lange Zeit blieben sie so stehen,
und der Bär glaubte sogar gleichzeitig wie seine Bärin
zu atmen.
Erst allmählich spürte er
das Stupsen der kleinen Bärennasen in seinem dichten Fell,
und Papa Bär drückte zwei seiner Jungen ganz fest an sich.
Das andere Bärenjunge blickte
zu seinem Papa und seinen Geschwistern,
dann wieder auf das weite, blaue Meer.
Sein Blick war unruhig,
und abermals sahen seine Augen tief in die des Bärenpapas.
Da lächelte Papa Bär und nickte ihm zu, als wisse er ganz
genau was in dem kleinen Bärenherz vor sich ging.
Der kleine Bär spürte sein
Herz bis zum Hals schlagen, und eine große Traurigkeit überkam
ihn,
doch ganz plötzlich, ohne zu wissen warum,
fühlte er die Freiheit des Adlers,
die Stärke des Baumes
und die wahre Größe des Sonnenstrahls.
Und er vertraute von ganzem Herzen
auf sein Empfinden, nahm seinen ganzen Mut zusammen, und sprang.
Sogleich löste das größte
Bärenkind seine Umarmung und tollte zielstrebig auf die Klippen
zu.
Sein Bruder folgte ihm, und es sah fast wie ein Wettrennen zwischen
den beiden aus.
Papa Bär blickte auf das Meer, als erwarte er ein Zeichen seiner
Bärin,
die ja gerade ein Delfin war, dass die Kinder wohlbehalten bei ihr
waren.
Und als hätte sie seine Blicke
gespürt, schoss die Bärin aus dem Wasser, überschlug
sich kopfüber, und gab so übermütige Laute voller
Freude von sich,
da platschte es auch schon neben ihr,
und der Bärenpapa zeigte stolz, wie lange er sich auf seiner
Fluke aufrecht halten konnte.
Des Abends verabschiedete sich die
Bärenfamilie von ihren neuen Freunden,
sie hatten so unendlich viel gelernt,
aufgenommen in der Gemeinschaft der Delfine.
Von da an waren sie nicht mehr zu trennen,
sie trugen nun das Wissen in sich,
dass jeder ein Teil des Ganzen ist,
und dass sie alle miteinander
EINS sind,
in Liebe verbunden,
dies schon immer waren
und bis in alle Ewigkeit SEIN werden.
Antje Fierenz

© Antje Fierenz 2008
|