| Vor
langer Zeit lebte eine Braunbärfamilie in einem großen,
sehr alten Wald.
Der große Braunbär liebte es in kühlen Bächen
mit seinen großen Pranken Fische zu fangen.
Stolz schüttelte er jedes Mal sein Fell, sodass es nur so spritzte,
wenn er sich wieder einen neuen Fisch schnappte.
Die Braunbärin lag dösend
auf einer Lichtung und genoss die wärmenden Sonnenstrahlen,
die ihr Fell durchdrangen, während sie den kleinen Braunbären
beim Toben zusah.
Dies war ein wunderschöner Zustand,
das fließende Sonnenlicht, das ihre Nase kitzelte,
das weiche Gras, das duftete,
die feste Erde, die ihren Körper trug
und die Gewissheit darüber, dass sich die Bärenkinder
glücklich die Zeit vertrieben.
Zwei der Bärenkinder stritten
sich um den besten Platz auf einem riesigen Baumstamm. Das führte
dazu, dass sie abwechselnd immer wieder herunterpurzelten.
Das dritte Bärenkind sah dem Geschehen zu und versuchte einen
Schmetterling zu erhaschen, während das vierte Kind, das kleinste
und das einzige Bärenmädchen, langsam zu seiner Mutter
trottete.
Auf dem letzten Stück, das beide noch trennte, wurde es aber
so übermütig, dass es voller Schwung auf der weichen Mama
landete, die ihrem Kind mit einem kurzen Schnauben sanft zu verstehen
gab, dass das Zusammentreffen doch ein wenig zu schwungvoll ausfiel.
Zärtlich schmusten Mama Bär
und ihr kleinstes Bärenkind noch eine kurze Zeit, dann spürte
die Bärenmutter am ruhigen Atem ihres Kindes, dass es, gemütlich
eingerollt, eingeschlafen war.
Die Bärin stand ganz langsam auf, sehr behutsam, damit das
kleine Bärenmädchen weiterschlafen konnte.
Mittlerweile tobten die drei großen Bären wild um den
alten Baumstamm herum.
Dank der Schmetterlinge, die die kleinen Bärennasen fast berührten,
sich aber doch immer wieder in Sicherheit in die Lüfte erhoben,
sah das Jagen nach ihnen eher wie ein lustiger Tanz aus.
Die Bärin beschloss einen kleinen
Ausflug zu machen, ganz allein.
Friedlich trottete sie über die Lichtung in den nahe gelegenen
Wald.
Sie spürte die Kühle der dichten, großen Bäume
die sie umgab
und atmete tief durch.
Ihre Gedanken flogen weit fort und
sie hörte nur ihren Atem und das Knacken des Gehölzes
unter ihren Tatzen.
Nach einer Weile schweifte ihr Blick in die hohen Baumkronen und
sie erblickte einen wunderschönen Adler. Gerade erhob sich
dieser und breitete seine Schwingen zum Flug aus.
Die Bärin begleitete seinen ruhigen, segelnden Flug mit ihren
Blicken,
und dachte sich wie schön es sein müsste einfach los fliegen
zu können.
Ihre Heimat von oben betrachten zu können, das muss etwas ganz
besonderes sein, dachte sie sich.
Sie war sehr erstaunt als der Adler näher kam und auf einem
Felsvorsprung landete, ganz dicht bei ihr.
Und noch bevor sie ihren ungewöhnlichen
Wunsch aussprechen konnte, dem Himmel so nah sein zu wollen, nahm
sie die Stimme des Adlers wahr,
in ihrem Herzen.
Sie sagte ihr, sie könne sich ebenso in einen Adler verwandeln
und hoch über den Baumkronen gleiten, wenn sie nur fest daran
glaubte.
Und tatsächlich geschah etwas
Fremdes, sehr ungewöhnliches mit ihr.
Ihr ganzer Körper verwandelte sich in den Körper eines
Adlers, und doch blieb sie sie selbst.
Wie von alleine breitete sie ihre kräftigen Flügel aus
und stieg empor in die Lüfte. Es war so unglaublich, noch nie
konnte sie fliegen, und dennoch fühlte es sich so vertraut
an.
Sie fühlte sich unendlich wohl, und so befreit von der Schwere
ihres Körpers.
Ihr Blick war so klar, sie erkannte vieles sogar leichter vom Himmel
aus,
obwohl sie weiter von der Erde entfernt war als jemals zuvor.
Ihre Leichtigkeit machte ihr Mut weiter aufzusteigen, wieder sanft
hinab zu gleiten, und schon wieder bewegte sie ihre kräftigen
Schwingen, ohne auch nur ein bisschen müde zu werden.
Und sie war glücklich, sehr, sehr
glücklich.
Was für ein Wunder, dachte sie sich, ich kann fliegen....
und sie genoss jeden Augenblick ihres Fluges, jeden einzelnen Augenblick.
Als sie zur Landung ansetzte, wusste
sie genau, dass sie gleich wieder die alte Bärin sein würde,
und so geschah es.
Die Bärin setzte ihren Spaziergang
fort, sehr erfüllt tappte sie vor sich hin, und schnupperte
an den bunten Blumen, die die Erde schmückten.
Bei ihrer Familie angekommen wagte sie es nicht von ihrem Erlebnis
zu erzählen, zu unglaublich erschien es ihr selbst, wie ein
wundersamer Traum.
Abends aßen alle gemeinsam den
reichen Fischfang des Bärenpapas auf, und gingen satt und zufrieden
in ihre Höhle zum Schlafen.
Nachts wälzte sich die Bärin unruhig hin und her, als
sie aber wach wurde, das Schnarchen des Bärenpapas in ihren
Ohren, wusste sie, dass alles was sie erlebt hatte wahr war, und
sie schlief ruhig wieder ein.
Beim Frühstück mit den Bärenkindern
sprudelte es dann nur so aus ihr heraus, sie erzählte ihre
ganze Geschichte und war wieder genauso glücklich, wie bei
ihrem Flug als Adler.
Der Bärenpapa hörte voller
Staunen zu und wurde ein ganz klein wenig traurig, denn gerne hätte
er dieses Glück mit seiner Bärenfrau geteilt.
Die drei Bärenjungen lauschten gespannt, doch waren sie schon
etwas zappelig, weil sie so schnell wie möglich zum Toben auf
die Lichtung wollten.
Nur das Bärenmädchen kuschelte sich an seine Mama, und
es konnte das unbeschreibliche Gefühl der Mutter ganz tief
im Herzen spüren.
So vergingen einige Tage in stiller
Zufriedenheit, der Bärenpapa jagte,
und die Bärenmama kümmerte sich um ihre übermütigen
Kinder.
Doch es dauerte nicht allzu lange,
da wünschte sich die Bärin wieder allein einen Spaziergang
zu machen. "Wer weiß" dachte sie sich, "was
mir diesmal geschieht?"
Sie lief gemütlich durch ihren Lieblingswald, doch es wollte
ihr niemand begegnen.
Flüchtig sah sie ein wuselndes Eichhörnchen, und ein kräftiger
Hirsch flüchtete schnell vor ihr.
So dachte sie bei sich, "dann soll es wohl nicht so sein."
Sie lehnte sich an einen starken Baum und döste vor sich hin.
Als sie aber fast eingeschlafen war geschah es wieder,
sie vernahm eine Stimme in ihrem Herzen,
diesmal die Stimme des alten Baumes, an den sie sich lehnte.
Der Baum fragte sie, ob sie nicht wissen wolle, wie es sich anfühlt
ein Baum zu sein, und in ihrem Kopf entstand sofort ein ganz deutliches
"ja".
Dieses Mal verwandelte sie sich nicht,
es war als würde sie von einer unsichtbaren Kraft in den Baum
hineingezogen.
Und so spürte sie sich wieder.
Sie fühlte ihre kräftigen Wurzeln, die sich tief in die
Erde erstreckten.
Noch nie hatte sie einen so sicheren Stand, sich so stark gefühlt.
Ihr Stamm war so unglaublich aufrecht, dass nichts ihn erschüttern
konnte.
Sie spürte die Kraft der Erde, die in ihr aufstieg,
durch ihren Stamm floss,
bis hinauf in ihre Baumkrone.
Sie nahm gleichzeitig jeden einzelnen ihrer vielen, vielen Äste
wahr,
und jedes Zweiglein,
und an jedem Zweig, auch noch das kleinste, zarteste Blatt.
Die kleineren Zweige bogen sich im Wind und ihre Blätter raschelten.
Und all das auf einmal, so fest verwurzelt und stark,
und so geschmeidig und zart, war sie.
Sie fühlte den Segen des Himmels und streckte sich ihm entgegen.
Dieses Wissen, dass nichts sie von
ihrem Platz fortbewegen konnte und sie sich trotzdem ständig
verändern und wachsen durfte, gab ihr ein unglaublich sicheres
Gefühl, wie sie es noch nie zuvor gespürt hatte.
Es erfüllte sie so sehr, dass
sie gar nicht merkte wie sie von der unsichtbaren Kraft wieder in
ihren Körper gesaugt wurde.
Und da saß sie wieder, friedlich und entspannt, an den starken
Baum lehnend.
Nach einer Weile stand die Bärin
auf, sie fühlte sich sehr wohl und ausgeruht.
"War das nur ein Traum", fragte sie sich?
Doch die Antwort erhielt sie durch jeden Schritt, den sie weiter
ging.
Ihre Bewegungen empfand sie anders als vorher, sie fühlte sich
stärker und sicherer. Kein Zweifel, es war dieses Gefühl
in ihr, das sie erfuhr, als sie selbst der große Baum war.
Nun wollte die Bärin noch nicht
umkehren, sie setzte einfach Tatze vor Tatze und genoss mit jedem
Schritt die neue Sicherheit, die in ihr wuchs.
Was für eine Kraft in mir, dachte sich die Bärin, und
lief, und lief, und lief.
So ein Glück, dass heute der Bärenpapa den Kindern zeigen
wollte, wie man Fische fängt, so musste sie sich keine Sorgen
machen
und genoss ihren Ausflug umso mehr.
Des Mittags, als die Sonne am höchsten
stand, und die Bärin ausgiebig von den leckeren Waldbeeren
genascht hatte, suchte sie sich ein Plätzchen für ein
kurzes Nachmittagsschläfchen.
Sie legte sich zufrieden ins satte Gras, genau so, dass ihr Kopf
im Schatten lag, ihr weicher Körper aber von den wärmenden
Sonnenstrahlen umhüllt wurde.
Die Bärin blinzelte noch ein paar Augenblicke, dann wurden
ihre Augenlider schwerer und schwerer, und sie sank in einen sanften
Dämmerschlaf.
Eine Wolkendecke schob sich vor die Sonne und die Bärin atmete
ruhig und gleichmäßig.
Als die Wolken vorüberzogen, war
es ein ganz zarter Sonnenstrahl, der die Bärin direkt im Herzen
berührte.
Ihr Schlaf wurde leichter, aber sie wollte und konnte sich einfach
nicht bewegen.
"Willst du einmal ich sein?"
vernahm sie weit entfernt die Stimme des zarten Sonnenstrahls.
Und schon wuchs in ihr eine ungeheure Neugierde, wie sich das wohl
anfühlen konnte.
Der zarte Sonnenstrahl streckte sich ihr zu, und die Bärin
verschmolz ganz und gar mit ihm.
Sie begann sich auszudehnen,
mit jedem Atemzug ein Stück,
und jedesmal wurde sie ein bisschen größer.
So ging das eine ganze Weile, und immer
wieder dachte die Bärin, sie müsse jetzt an ihrem Ende
angelangt sein.
Doch mit jedem neuen Atemzug dehnte sie sich weiter aus.
Die Bärin merkte, dass sie so
nie spüren konnte, wie groß sie eigentlich war, und sie
wollte schon aufgeben ganz dieser zarte Sonnenstrahl zu sein,
da geschah etwas so unglaublich Großartiges mit ihr,
dass sie fast vergaß zu atmen.
Sie spürte keinen Anfang und kein
Ende mehr,
sie war einfach nur noch,
und sie war unendlich.
Sie war kein Teil mehr, der sich ausdehnte,
sie war auf einmal,
in einem Moment,
jeder Teil des Sonnenstrahls.
Und hätte der zarte Sonnenstrahl Tränen gehabt, so hätte
er sie in diesem Moment sicherlich geweint, so glücklich war
er.
Ich bin, dachte der zarte Sonnenstrahl,
ich bin einfach alles!
Und mit diesem Wissen in ihrem Herzen erwachte die Bärin aus
ihrem Schlaf.
Plötzlich war nichts mehr wie
es vorher war,
die Bärin öffnete ihre Augen und die Welt erschien ihr
völlig anders.
Sie konnte auf einmal nur noch mit dem Herzen sehen.
Alles was sie sah, war so, wie es immer war, das wusste sie,
und doch fühlte sich jeder Augenblick wie ein großes
Geschenk an,
dachte sich die Bärin.
Sie empfand gleichzeitig die Leichtigkeit
des Adlers, die Standhaftigkeit des Baumes und die Unendlichkeit
des Sonnenstrahls, und ihr Herz öffnete sich für alles
was da war.
In all der Freude und Unbeschwertheit
breiteten sich im Kopf der Bärin Gedanken aus, und sie fragte
sich, was das alles bedeutete.
Ihr Blick schweifte am Boden entlang, am Rande einer Lichtung.
Um sie zu erreichen, musste sich die Bärin bücken und
ganz klein machen,
sonst wäre sie unter den dichten Ästen nicht hindurch
gekommen.
Auf einmal entdeckte sie ein sehr kleines, sehr sanftes, fast durchsichtiges
Wesen, dass ihr mit freundlicher Stimme, weich, aber klar und deutlich
sagte:
"Mache dir nicht so viele Gedanken
darüber, was mit dir geschehen ist,
genieße jeden Augenblick,
...ES IST NUR LIEBE..."
Die Bärin fühlte die Worte
des kleinen Wesens und bedankte sich bei ihm.
Sie spürte, dass es wichtige Worte für sie waren, ihr
Herz sagte es ihr.
Als sie zu Hause ankam, saßen
alle in der Höhle. Zwei der Bärenjungen hielten sich ihre
vollen Bäuche, so viele Fische hatten sie gefangen und gleich
verspeist.
Sogleich musste die Bärenmama ausführlich von ihrem Ausflug
erzählen.
Der
Bärenpapa streichelte die prallen Bäuche seiner Bärenjungen,
während sich die anderen beiden Bärenkinder links und
rechts
an ihre Mutter kuschelten.
Alle waren sehr beeindruckt von den spannenden Erlebnissen der Bärin,
doch am meisten berührte die Erzählung das kleine Bärenmädchen.
© Antje Fierenz 2008
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